Es ist ein warmer Abend im April, als wir Sarah Kessler in ihrem Berliner Büro treffen. Die 38-Jährige ist Geschäftsführerin eines der meistbeachteten Festivals in Deutschland – und sie denkt anders über Musikveranstaltungen als die meisten ihrer Kollegen.
„Ein Festival ist kein Konzert mit mehreren Bands", sagt sie, während sie einen Kaffee rührt. „Es ist eine Stadt, die für drei Tage entsteht. Mit eigener Sprache, eigenen Regeln, eigener Magie."
Bühnenblick: Woher kommt dieser Perspektivwechsel? Früher war das Line-up doch alles.
Sarah Kessler: Absolut. Und das Line-up ist immer noch wichtig. Aber es ist nicht mehr das Einzige, worauf Menschen achten. Schauen Sie sich an, warum Leute zu Glastonbury fahren – es sind nicht nur die Bands. Es ist das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.
„Wir verkaufen keine Tickets – wir verkaufen Erinnerungen. Und Erinnerungen entstehen nicht nur auf der Bühne."
Was macht heute ein gutes Festival aus, wenn nicht nur die Musik zählt?
Ganz ehrlich? Es sind die Details. Die Art, wie das Licht auf den Campingplatz fällt. Der Duft von frischem Kaffee um acht Uhr morgens. Die Installation, die man zufällig entdeckt. Wir arbeiten mit Architekten, mit Lichtdesignern, mit Food-Kuratoren – Menschen, die nichts mit Musik am Hut haben, aber alles mit Atmosphäre.
Wie wichtig ist Social Media für diese Experience-Kultur?
Extrem wichtig – aber anders, als die meisten denken. Wir denken nicht: „Was posten wir, um Follower zu bekommen?" Wir denken: „Wie schaffen wir Momente, die Menschen teilen wollen?" Ein perfekt kuratiertes Instagram ist das Ergebnis, nicht das Ziel.
„Die beste Festivalwerbung ist ein Foto von jemandem, der am Morgen nach einem unvergesslichen Abend glücklich in die Kamera lächelt."
Nachhaltigkeit ist ein großes Thema. Wie geht Ihr damit um?
Ehrlich gesagt: Wir sind noch nicht dort, wo wir sein wollen. Aber wir arbeiten daran. Dieses Jahr haben wir einen Food-Court eingeführt, der ausschließlich mit regionalen Lieferanten arbeitet. Unsere Pappbecher sind kompostierbar. Und wir haben ein Pfandsystem, das funktioniert – die Leute machen mit.
Was unterscheidet ein gutes Festival von einem großartigen?
Das Gefühl, das bleibt, wenn man nach Hause kommt. Diese Leichtigkeit. Das Wissen, dass man drei Tage lang genau dort war, wo man sein sollte. Ein großartiges Festival verändert einen – auch nur für einen Moment – und dieser Moment ist real.
Sarah Kessler lächelt, als sie das sagt. Draußen senkt sich die Dämmerung über Berlin. In wenigen Monaten wird sie wieder am Festivalgelände stehen, um diese Magie für Tausende zu erschaffen. Einige davon werden danach genau so lächeln.
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